Die 10 Thesen des Dieter Rams in der Fotografie

Die 10 Thesen des Dieter Rams in der Fotografie

Bei der Suche nach Regeln für bessere Fotos stieß ich auf Dieter Rams, einen deutscher Industriedesigner. Ich möchte hier nicht auf seine Person abheben, seine Vita und sein Wirken sind auf der Wikipedia zusammengefasst und können dort gelesen werden: Wikipedia – Dieter Rams. Dieter Rams hat bereits in den späten 1970er Jahren 10 Thesen zum guten Design aufgestellt (Quelle):

  1. Gutes Design ist innovativ
  2. Gutes Design macht ein Produkt brauchbar
  3. Gutes Design ist ästhetisch
  4. Gutes Design macht ein Produkt verständlich
  5. Gutes Design ist unaufdringlich
  6. Gutes Design ist ehrlich
  7. Gutes Design ist langlebig
  8. Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail
  9. Gutes Design ist umweltfreundlich
  10. Gutes Design ist so wenig Design wie möglich

Bei Thesen handelt es sich um zu beweisende Behauptungen oder Leitsätze, die diskutiert werden sollten. Es handelt sich also nicht um strikte kausale Abhängigkeiten, Naturgesetze. Die Bedeutung dieser Thesen ist also eher schwach und vom jeweiligen Objekt abhängig, sie können auch kontraproduktiv sein. Sie sollten aber im Hinterkopf bereitgehalten werden seine eigenen Werke kritisch zu betrachten, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Aus meiner Sicht können diese Thesen auf die Fotografie übertragen werden. Es sich sowohl beim Design als auch bei der Fotografie um erschaffende Prozeduren, der Designer erschafft meinetwegen einen Toaster, der Fotograf ein Foto . Bei beiden ist häufig der Erschaffende der Erstnutzer, der Endnutzer aber unbekannt.

Natürlich lassen sich diese Thesen auch auf eine Website, einen Blog, selbst auf einen Auftritt auf “Sozialen Medien” übertragen.


Übertragen auf die Fotografie

  1. Gute Fotos / Gute Fotoserien sind innovativ
  2. Gute Fotos / Gute Fotoserien sind brauchbar oder machen ein Produkt brauchbar
  3. Gute Fotos / Gute Fotoserien sind ästhetisch
  4. Gute Fotos / Gute Fotoserien sind verständlich oder machen ein Produkt verständlich
  5. Gute Fotos / Gute Fotoserien sind unaufdringlich
  6. Gute Fotos / Gute Fotoserien sind ehrlich
  7. Gute Fotos / Gute Fotoserien sind langlebig
  8. Gute Fotos / Gute Fotoserien sind konsequent bis ins letzte Detail
  9. Gute Fotos / Gute Fotoserien sind umweltfreundlich
  10. Gute Fotos / Gute Fotoserien haben so wenig Design wie möglich

Gute Fotos / Gute Fotoserien sind innovativ

  • Schlüsselwort: Innovation.
  • Innovation bedeutet, etwas neues zu erschaffen, sich nicht damit zu beschäftigen, Bekanntes immer wieder neu aufzulegen.
  • Die Innovation selber kann auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden, ein neuer Zusammenhang zwischen verschiedenen Objekten, eine neue Belichtung, eine neue Interpretation eines Themas usw.
  • Innovation beginnt zunächst bei sich Selbst, nur weil etwas seit Ewigkeiten so gemacht wurde, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch in Zukunft so umgesetzt werden muss. Immer im selben Gleis zu bleiben ist bequem, sehr bequem, jedes Gleis führt aber entweder im Kreis oder in eine Sackgasse mit einem Prellbock. Immer das Gleiche ermüdet auf Dauer.
  • Innovation bedeutet in letzter Konsequenz, sich eine eigene Sichtweise auf Dinge und Sachverhalte permanent zu entwickeln. Motive aus ihren gewohnten Zusammenhängen heraus zu nehmen und neu einzuordnen. Innovation ist deshalb niemals ausgereizt, schon gar nicht bei sich selbst.
  • Es gibt im angelsächsischen ein Sprichwort: No risc, no fun, ohne Risiko kein Spaß. Bedeutet nicht, als Adrenalinjunkie mit geschlossenen Augen auf Harakiri-Tour zu gehen, sich blind in unkalkulierbare Risiken zu stürzen. Es fordert mehr dazu auf, das (kalkulierbare) Risiko beim gehen außerhalb des gewohnten Parketts einzugehen, sich an andere Inhalte und neue Sichtweisen heran zu trauen. Natürlich kann ein neues Foto floppen, na und!
  • Innovation heißt in letzter Konsequenz: Raus aus dem Mainstream, weg von dem, was andere (momentan) Machen, den eigenen Weg suchen und gehen.

Gute Fotos / Gute Fotoserien sind brauchbar oder machen ein Produkt brauchbar

  • Schlüsselwort: Brauchbarkeit
  • Brauchbarkeit betrifft sowohl das Foto oder die Serie selber als auch ihre Verwendung. Fotos dienen oft als Erklärungshilfe oder Beiwerk / Begleitobjekt in anderen Veröffentlichungen. Grade hier ergibt sich eine vollkommen andere Sicht, als wenn nur das Bild selber betrachtet wird.
  • Zur Brauchbarkeit zählt, dass die Anforderungen und Erwartungen in ein Foto oder eine Fotoserie erfüllt werden. Erwartungen und Anforderungen können sowohl explizit vorgegeben sein, sie können sich aber auch aus dem Genre oder dem Umfeld ergeben:
    • Technik: Bildschärfe an den richtigen Stellen, ausreichend Auflösung
    • Inhaltlich: Entspricht der Bildinhalt der Beschreibung und den Vorgaben, besitzt das Bild eine Bildaussage, entspricht der Inhalt seinen Erwartungen.
    • Genretypische Vorgaben: Meist unausgesprochene Anforderungen bei denen es um genretypische Erwartungen in ein Foto, eine Fotoserie geht, wie z. B. Linien in der Architekturfotografie. Diese können natürlich gezielt gebrochen werden.
  • Zur Brauchbarkeit zählt auch, dass der Betrachter einen Nutzen aus dem Foto, der Fotoserie zieht oder ziehen kann. Hierzu zählt, dass derartiges neu für ihn ist, das Bild etwas neues beinhaltet (s. Innovation)

Gute Fotos / Gute Fotoserien sind ästhetisch

  • Schlüsselwort: Ästhetik
  • Eines vorweg: Ästhetisch heißt die Sinne berührend, ihn emotional ansprechen und ihn jenseits des Rationalen einnehmen. Es ist die Ebene der positiven Erinnerungen, der Liebe und Freundschaft aber auch die der Ängste, die der Phobien, im schlimmsten Fall auch die der Traumata. Die Sinne beschränkt sich als nicht auf ausschließlich positive Bezüge, sondern es können auch ganz gezielt negative Bezüge hergestellt werden. Beispiele sind z. B. im Bereich der Horror- oder Gruselfilme zu finden, wo gezielt mit angsteinflößenden Mitteln gearbeitet wird. Es gibt auch eine Ästhetik der Kriegsfotografie, die des Leids, der Betrachter kann intuitiv die abgebildete Handlung nachvollziehen.
  • Ästhetik ist die emotionale Ebene, die der gefühlten Wirkung einer Fotografie. Sie soll an bekannte Vorgänge in der Gedankenwelt, der Psyche anknüpfen, jenseits der bewussten Interpretation.
  • Ästhetik ist in der Werbe-, der Akt- und auch in der Pornografie eine der Kernkomponenten während sie im Bereich Reportage, Wissenschaft eher untergeordnet ist.
  • Die Ästhetik ist einer der Gründe, warum Fotos, die ein Fotograf als gut empfindet bei der Veröffentlichung floppt oder eine aus seiner Sicht mittelmäßige oder schlechte Aufnahme plötzlich der Renner wird. Die emotionale Wirkung wurde falsch eingeschätzt.

Gute Fotos / Gute Fotoserien sind verständlich oder machen ein Produkt verständlich

  • Schlüsselwort: Verständlichkeit
  • Verständlichkeit bedeutet, der Betrachter muss den Inhalt der Fotografie / der Fotoserie verstehen können. Er benötigt einen Ansatzpunkt, von dem aus er für sich das Foto erschließen kann. Dieses Verstehen ist vom Betrachter abhängig, von seiner Ausbildung, von seiner Erfahrung. Grade bei Abstraktionen kann hier der Ansehende leicht überfordert werde und sich von dem Bild abwenden.
  • Verständlichkeit hat auch eine kulturelle Komponente. So werden Farben in unterschiedlichen Kulturräumen unterschiedlich interpretiert, Weiß steht im Westen häufig für Jungfräulichkeit, in einigen asiatischen Regionen ist sie die Farbe des Todes.
  • Verständlichkeit ist stark gebunden an den momentanen Zustand des Betrachters. Hat die betrachtende Person etwas aufgeregt? Etwas verärgert? Das kann seine Prioritäten von einem Moment auf den anderen ändern. Hier wird häufig eine Straßenszene mit Tankstelle im Hintergrund angeführt. Wer grade getankt hat, neigt eher dazu, sich auf die Tanke zu konzentrieren und das Bild vom Motiv aus zu lesen.

Gute Fotos / Gute Fotoserien sind unaufdringlich

  • Schlüsselwort: Unaufdringlichkeit
  • Nicht alle Fotos sind dazu bestimmt marktschreierisch auf Facebook ein Like zu bekommen.

Gute Fotos / Gute Fotoserien sind ehrlich

  • Schlüsselwort: Ehrlichkeit
  • Was die Ehrlichkeit von Fotografien betrifft, gibt es ein immanentes Problem: Fotografien besitzen weder Historie noch Umfeld, sie sind immer ein Ausschnitt ohne oben, ohne unten, ohne rechts, ohne links, ohne vorher, ohne nachher. Bei einer gut gemachten Aufnahme ist schwer zu erkennen, ob sie gestellt oder auf natürlichen Weg entstanden ist. Oft sind auch Ort und Zeit nicht ableitbar. Nicht einmal der Fotograf ist ersichtlich. Häufig kann bei der Betrachtung nur aufgrund von zu vielen erfüllten Gestaltungsregeln vermutet werden, dass es sich um eine gestellte Aufnahme handelt.
  • Betrifft weniger künstlerische Arbeiten als Dokumentationen, Reportagen, Wissenschafts-, Natur- und Tierfotografie.
  • Zu der immanenten Schwäche in Sachen Ehrlichkeit kommt bei der Problematik der Bearbeitung von Fotos. Nein, dieses ist kein Problem, welches mit der digitalen Fotografie entstanden ist. Allerdings sind die handwerklichen Anforderungen hierzu ins Bodenlose gesunken. Wird die Rauchentwicklung eines Brandes durch Nachbearbeitung dramatisiert? Wird durch Steigerung des Kontrastes und Änderung der Belichtung die Bildaussage manipuliert? Bei gut gemachten Änderungen sehr schwer nachweißbar.

Gute Fotos / Gute Fotoserien sind langlebig

  • Schlüsselwort: Langlebigkeit
  • Wer Trends folgt wird nie als erster ankommen. Trends haben die Angewohnheit, sich zu ändern. Konsequenz: Alles was sich auf den Trend bezieht ist wertlos.

Gute Fotos / Gute Fotoserien sind konsequent bis ins letzte Detail

  • Schlüsselwort: Konsequent
  • Fotos, insbesondere Fotoserien sollten konsequent nach einem einheitlichen Stil aufgebaut und bearbeitet sein, so das keine Brüche entstehen. SW-Aufnahmen haben in einer Serie mit Farbfotos nichts zu suchen, und umgekehrt.
  • Eine konsequente Gestaltung beginnt schon vor der Aufnahme, nämlich damit, dass man sich hier bereits dem gewünschtem Bild so weit wie möglich nähert. Dieses setzt natürlich voraus, dass der Fotograf sein Ziel kennt und sich diesem bei der Aufnahmeprozedur bewusst nähert. Dieses lässt sich unter zielorientierten Arbeiten zusammenfassen. Was konkret darunter fällt ist allerdings abhängig vom Genre und von der Aufnahmesituation. Es kann die Wahl der Perspektive oder die Suche des geeigneten Lichts umfassen aber auch die Visa oder die Frisur des Modells.
  • Letztendlich führt eine konsequente Gestaltung zu einer, dem Fotografen eigenen Handschrift.

Gute Fotos / Gute Fotoserien sind umweltfreundlich

  • Schlüsselwort: Umweltfreundlich
  • Ressourcensparende Produktion, Wiederverwendung von Utensilien
  • Keine übermäßige Belastung der Umwelt, achten auf die Regeln

Gute Fotos / Gute Fotoserien haben so wenig Design wie möglich

  • Schlüsselwort: Design
  • Jedes Fotos besitzt ein Design: Die Wahl des Aufnahmezeitpunkts, die Wahl der Perspektive, Belichtungszeit und Blende. Dieses betrifft auch Fotos, die unter der Kategorie “Geknipst” zusammengefasst werden. Kein Fotograf ist dazu gezwungen, die Abläufe im Motivbereich so hinzunehmen, wie sie sich ergeben.
  • Es gibt natürliche die allgemein bekannt sind und mit denen Fotos inhaltlich unbewusst verglichen werden. Problematisch wird es wenn hier ein Widerspruch entsteht.
  • Less is more.

Aufrufe: 14

Schreibe einen Kommentar

error: Content is protected !!